Es gab nur wenige Stunden in denen die Königin sich nicht um die Sorgen ihres Volkes kümmern musste und dank den Ereignissen der vergangenen Zeit war ihr Geist selbst während dieser Stunden unruhig. Langsam erhob sich die schlanke, schöne Gestalt von dem gläsernen Thron, der die Lichter des Tages brach und spiegelte, sodass das erhitzte Glas tatsächlich zu leben schien. Schon seit über dreihundert Jahren saß Talina auf dem Thron, auf dem vor ihrer Zeit schon ihre Mutter gesessen hatte, um von dort aus das fruchtbare Land der Elfen zu regieren. Dennoch war die Königin froh, dass sie sich erheben konnte. Ihr nachtblaues Kleid aus dem feinsten Stoff raschelte leise, als die Elfe mit den rehbraunen Locken die wenigen Stufen hinab schritt und beinah zärtlich mit den nackten Zehen über die flachen, glatten Steine fuhr, die den Weg bis zu der großen Eingangstür pflasterten. Selbst diese leblosen Steine schienen Wärme auszustrahlen, doch vielleicht bildete die Königin sich dies auch nur ein, da einfach alles in dem gigantischen Thronsaal wärmte. Hier herrschte eine angenehmere Temperatur, als dort, wohin sie Cirdan geschickt hatte. Schon seit Jahrzehnten war der Bogenschütze ein treuer Begleiter der zarten Frau mit der milchigweißen Haut. Des Öfteren schon hatte er kleinere Aufträge und Botengänge für Talina unternommen, doch nie hatte sie ihn so weit fort geschickt. Der kalte Norden der Menschen war kein Ort für eine Elfe, die an Sonne und weiches Gras gewöhnt war. Welche andere Wahl hatte sie aber gehabt?
Seit Talina das Licht der Welt erblickt hatte, hatte sie nie davon gehört, dass ein einfaches Menschenkind magische Fähigkeiten besessen solle, die selbst die ihren überstiegen. Selbst wenn sich diese Information als falsch erweisen sollte, so hätte sie die Gewissheit, dass es kein Mensch magisch begabt war.
Und falls das Mädchen tatsächlich irgendwelche Fähigkeiten haben sollte, war es wichtig, dass es zu den Elfen gebracht wurde. Anders würde der Menschenkönig vielleicht davon erfahren und das Kind gegen seine Nachbarn einsetzen, was zu einem großen Krieg führen würde, bei dem sich die Elfen in einer ungünstigen Lage befinden würden. Im Nordenwesten und Westen zog sich das schmale Land der Magier entlang, während im hohen Norden die Menschen lebten. Auch im Süden lauerte eine Gefahr, vielleicht sogar die Größte. Tief im Süden lebte ein eigenartiges Volk, das sich weder zu den Menschen noch zu den Magiern zählte, obwohl es ihnen doch am ähnlichsten sah. Dabei waren die Bewohner des Südens allesamt dunkler, als die Nordmenschen. Ihre Gebräuche und Lebensarten waren gänzlich anders, als die der Magier. Talina bewahrte mit ihnen zwar die Frieden, jedoch war sie sich dabei nie sicher, wie standhaft dieser in Falle eines Krieges war und auf welche Seite sich die Tyrash, so nannten sich die Bewohner des Südens, schlagen würden.
Um die schweren Gedanken zu vertreiben, wandte sich die Königin etwas anderem zu. Mit leichten, zarten Schritten schwebte Talina durch den Saal, bis sie eines der kleinen Lichter erreicht hatte, die in allen erdenklichen Farben durch die Luft flogen. Das violette Licht war beinahe perfekt rund und es flog aufgeweckt um das Handgelenk der braunhaarigen Frau. In den braunen Augen und besonders in den goldenen Sprenkeln dieser, spiegelte sich die violette Flamme. Vorsichtig berührte die Elfe das Licht, welches augenblicklich in kleine Teile zersprang. Diese umschwirrten den schmalen, langen Finger der Königin, bis ihr selber bei dem Anblick schwindelig wurde und sie sich milde lächelnd abwandte. Selbst solche Schönheit konnte nach zu langer Zeit den Geist verwirren, das wusste Talina. Dennoch waren die bunten Lichter ihr eine Ablenkung und an manchen Tagen konnte sie nach einen Blick auf die kleinen Flammen sogar besser beurteilen, was zu tun war.
Das Öffnen der Tür beschwor die langen Überlegungen und die Angespanntheit sogleich wieder herauf. Zu sehen war Gillan, ein älterer Elf, der ihr stets die Treue hielt und sowohl Leibwächter, als auch Berater darstellte und dessen Anwesenheit die Königin meist genoss.
“Euer Gnaden”, begrüßte er sie, nachdem der kriegerische Elf sich auf die Knie hatte fallen lassen. Selbst in der grünen Weste, die mit goldenen Fäden besteckt war, sah der Mann aus, als würde er bald in den Krieg ziehen, was wohl am meisten an seinen harten Gesichtszügen und dem grimmigen Zug um die Mundwinkel lag.
“Erhebt Euch. Ist etwas geschehen? Gibt es etwa Nachricht von Cirdan und dem kleinen Mädchen?” Talina hatte schon aufgehört zu hoffen, es war schon so lang her, seit der Elf ausgeschickt worden war.
“Tatsächlich ist vor einigen Minuten ein Rabe eingetroffen, der Kunde trägt, dass der Elf und das Mädchen bereits in wenigen Tagen am königlichen Hofe eintreffen werden.”
Verwundert sah die Königin aus ihren braunen Augen zu ihrem Gefährten auf und fragte sich, wieso der Elf bei solch guter Nachricht so unzufrieden aussah. “Kam noch ein Vogel?”, fragte sie deswegen mit einem Hauch von Unsicherheit in der melodiösen Stimme. “Euer Gnaden, tatsächlich kam einer dieser seltsamen Vögel aus dem Süden.”
Ein Vogel aus dem Süden bedeutete selten etwas erfreuliches, sodass Talina beinah gewünscht hätte, dass Gillan schwieg. Ihre Pflichten als Königin verboten ihr dies allerdings.
“Ayale wird ebenfalls Euren Hof besuchen, viel zu bald, wenn Ihr mich fragt. Sie wird mit einigen ihrer Tyrash hierher reiten, um Euch einen Besuch abzustatten.”
“Euch gefällt es nicht sonderlich, dass Ayale in unser Land kommt. Woran liegt das?”
“Diese Frau ist unheimlich”, verkündete Gillan, als hätte er nur auf eine Gelegenheit gewartet das zu sagen. “Sie besitzt Fähigkeiten, die sie uns verschweigt und ihr Lächeln ist so unnatürlich, wie die Farbe ihrer Augen.”
Talina empfand ebenso. Da die dunkelhäutige Frau aus dem Süden aber ein angesehenes Mitglied des Rates im Süden war, wusste sie auch, dass man ihr mit Respekt begegnen musste. Darauf wies die Königin auch ihren Leibwächter hin, der den Kopf leicht senkte und sich für sein Benehmen entschuldigte. “Soll ich ein Fest vorbereiten lassen, Euer Gnaden?”
Der Elf schüttelte ihre lockige Haarpracht. “Nein. Das Mädchen wird schon erschöpft genug sein. Sobald sie allerdings eintreffen, sollt Ihr Cirdan und sie in mein Speisezimmer führen.”
Mit diesen Worten entließ sie den hochgewachsenen Mann und fragte sich im Stillen, ob es ein Zufall war, dass die geheimnisvolle Frau aus dem Süden beinah zeitgleich mit dem Mädchen eintreffen würde.
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