Anfangs hatte Cirdan den Auftrag das Menschenmädchen zu beschützen, als lächerlich und unter seiner Würde empfunden. Dass die Reise von dem blühenden, warmen Reich der Elfen in den hohen Norden unbequem, langwierig und ereignislos gewesen war, hatte die Laune des Bogenschützen ebenfalls nicht angehoben.
Das Angebot eines der Pferde aus dem königlichen Stall zu nehmen, hatte er damals noch übereifrig abgelehnt, was Cirdan nun, im Angesicht seiner schmerzenden Füße, zutiefst bereute. Zwar konnten Elfen dank eines einfachen und einmal ausgesprochen immer währenden Zaubers auf Schnee gehen, ohne einzusinken, dennoch war die Kälte nicht zu unterschätzen. Das haselnussbraune Haar des Mannes war von Frost durchzogen und erstarrt, seine Hände fühlten sich tot an, genauso wie der Rest seines Körpers.
Das Hirschleder seiner Schuhe verursachte ein leises Knirschen, welches die Stille des Nordens durchdrang und jedes Wild in der Nähe verschrecken würde, würden in der kalten Zeit des Jahres denn noch welche durch die Nadelwälder streifen.
Obwohl die Umrisse der eisigen Burg und der herumliegenden Stadt sich schon gegen den klaren Himmel abzeichneten, genau wie die Berge, an die die Stadt im Westen grenzte, wurde kein städtisches Geräusch von dem schneidenden Wind zu dem Elfen getragen, weswegen er sich zu fragen begann, ob die Stadt mitsamt ihren Einwohnern nicht eingefroren war.
Es gab Gerüchte, dass einige Zauberer die weiße Landschaft und die frostigen Temperaturen ihrem eigenen Land vorzogen. Cirdan war auch durch dieses gewatet und bezweifelte die Echtheit dieser Geschichten. Das Land der Magier, welches direkt an den hohen Norden grenzte, war zwar nicht einmal annährend so atemberaubend schön, wie das Reich der Elfen, mit der anhaltenden Wärme und der sumpfigen Landschaft jedoch immer noch schöner, als das einheitliche Weiß, das dem Elfen beinah durchdrehen ließ.
“Bei der Königin, findet dieser Marsch denn nie ein Ende?”, grummelte er in den Pelz hinein, der zwar ebenfalls voller Eiskristalle war, jedoch immer noch Wärme spendete. Dabei wusste der Elf, dass der Marsch nur noch weitere fünf Stunden dauern würde. Eine Zeit die, im Angesicht der gesamten Reise, nur noch einen Wimpernschlag dauern würde. Doch was würde nicht nach einer so langen und ermüdenden Reise kurz erscheinen?
Die letzten Stunden seiner Reise begann Cirdan sein Selbstmitleid zu verdrängen und stattdessen über das Mädchen nachzudenken, dass, wenn man den Worten der Königin Glauben schenkte, magisch begabt war und das ohne Magier in der Familie zu haben. Etwas derartiges gab es selten in dem großen Land, das alle Gebiete der verschiedenen Parteien umfasste. Falls es so etwas denn überhaupt schon einmal gegeben hatte. Die Königin der Elfen, eine sanftmütige und wunderschöne Frau, hatte mit ihrer melodiösen Stimme von dem Menschenkind gesprochen, als sei es ihre Tochter. Doch diesen Tonfall konnte man oft hören, wenn man denn tagtäglich der braunhaarigen Frau lauschte. Sie sprach von fast jedem so. Genau deswegen war sie aber auch beim Volk so beliebt.
Der junge Elf sollte das begabte Kind in einem ansehnlichen Haus nahe der großen, massiven Burg finden. Die Feinheiten sollte er, quasi als Prüfung, selber erfinden. Der große Plan war allerdings das Mädchen in sein Heimatland zu bringen oder es im hohen Norden zu unterrichten. Dabei lag für ihn schon fest, dass er das Kind notfalls dazu zwingen würde in das immergrüne Land der Elfen zu bringen. Hier oben, wo Frost und Kälte sowohl den Sommer, als auch den Winter beherrschten, wo die Tage kurz und eisig und die Nächte lang und noch eisiger waren, wo alles unter einer dicken Schicht aus Schnee lag, würde er keinesfalls bleiben. Er bezweifelte gar, dass er es überhaupt überleben könnte.
Sobald die Dunkelheit innerhalb von Sekunden über das Land hereingebrochen war, schien es noch kälter geworden zu sein, falls dies denn überhaupt möglich gewesen war. Seltsame Nebelschwaden schlängelten sich, Geistern gleich, über den knirschenden, weißen Boden, während die Lichter der Fackeln zu schweben schienen, so sehr hatte sich die Farbe der Burg, der der Nacht angepasst.
Cirdan hatte doch länger gebraucht, als er gehofft hatte, was vielleicht an den Pausen lag, die er ab und zu gehalten hatte.
Erst als er nur noch einige Meter von dem großen, steinernen Schlosstor stand, von halberfrorenen Wachen misstrauisch gemustert, konnte er wieder die Konturen der Stadt erkennen, die leisen Stimmen auf den Straßen oder in den Häusern hören und den unverkennbaren Geruch einer menschlichen Stadt riechen.
“Hey Elflein”, blaffte ihn der rechte, etwas dickere Wachmann an. Sein blonder Bart war voller Eis, genau wie seine buschigen Augenbrauen. Dennoch schien er noch genügend Leben in sich zu haben, um einen Reisenden aufzuhalten und sogar zu verspotten. Cirdan reagierte auf den Hohn mit kaum zu verbergender Abscheu in den Augen, was die beiden Männer dazu veranlasste einige Schritte auf ihn zuzutreten. Im Falle eines Kampfes, und dessen war der Elf sich sicher, würde er gewinnen. Doch sah er keinen wirklichen Sinn darin ein Risiko einzugehen. Seufzend blieb der Elf stehen, die steifen Finger tasteten nach dem Geldbeutel an seiner Hüfte, während er auf den Boden starrte, um Blickkontakt zu den Nordmännern zu vermeiden. Das Leder des Beutels knirschte, so festgefroren war es, als er zwei Kupferstücke hervorkramte und diese zu ihnen herüber warf.
“Dürfte ich nun passieren?”, fragte er, während seine Füße ihn schon durch das geöffnete Tor trugen. Keiner der Wachen schien widersprechen zu wollen und so tat Cirdan seine ersten Schritte in die Menschenstadt.
Aufgrund der späten Zeit fanden sich nur noch wenige Bewohner auf den Straßen, was dem Elfen aber gerade recht war. Obwohl sie von Schnee und Eis abgemildert worden waren, rümpfte der Elf aufgrund des Gestanks, der in der Luft hin, angewidert die Nase. Nur das schwache Licht der Fackeln, die an dem Tor zur großen, steinernen und massiven Burg waren, erhellten die Straßen. Bald schon müsste Cirdan sich einen Unterschlupf suchen. Es wäre unter seiner Würde auf den Straßen zu nächtigen, dazu kam, dass er sich sicher war, dass es um einiges zu kalt sein würde, um überhaupt den Schlaf überleben zu können. Da schien es wie ein Wink des Schicksals zu sein, dass er einige Momente später ein großes, noch beleuchtetes Gebäude erreichte, dessen Schild es als Gasthof auszeichnete.
Eine hagere Frau öffnete die Tür. Die Kälte und der Hunger hatten ihr jede Schönheit genommen, nur noch die eisblauen Augen hatten etwas besonderes und hübsches, dass musste Cirdan sich eingestehen. Die Mundwinkel wanderten, als sie den Gast argwöhnisch musterte, nach unten, doch er wusste, dass sie sich das Geld nicht würde nehmen lassen. So trat sie leise murrend zur Seite und ließ den Elfen eintreten. Zuerst erreichte ihn die Hitze der Feuerstelle nicht, sie schaffte es nicht durch die Kälte, die sich eingenistet hatte, durchzudringen. Erst als Cirdan den Mantel aus Pelz ablegte und in die Wohnstube eintrat, umfing ihn die Hitze und ein wohliges Seufzen entfuhr seinen geschwungenen Lippen. Er ließ sich auf den Boden nieder, der bedeckt war von schmutzigen Schafsfellen und schloss die braunen Augen, während er hoffte nie wieder frieren zu müssen. Die Temperaturen waren einfach nur grausam, deswegen verdrängte er auch rasch den Gedanken an seine Rückreise, wo er den gesamten Marsch noch einmal würde erleben müssen.
Die leisen Schritte eines Menschen rissen ihn aus den Träumen, die allein seiner Heimat galten. Widerwillig öffnete Cirdan die haselnussbraunen Augen und sah direkt in das Gesicht eines jungen Mädchens, es hatte wohl kaum ihren neunten Jahrestag erlebt. Sie schien die Tochter der Wirtin zu sein, zumindest das grelle Blau ihrer Augen deutete darauf hin. Sie war nicht ganz so dürr und ihr Blick war eher neugierig, als argwöhnisch. Doch der erschöpfte Elf begrüßte keines von beidem. Am liebsten hätte er einfach die Augen wieder geschlossen und das Mädchen ignoriert. Doch das Holzbrett mit dem harten Brot, dem Trockenfleisch und dem Käse hinderte ihn daran. Plötzlich erinnerte ihn das laute Grummeln seines Magens daran, dass er dringend wieder Nahrung brauchte. Gierig und ohne Rücksicht auf seine Herkunft, fiel er über das einfache Essen her und blendete das Mädchen, das sich inzwischen neben ihn gesetzt hatte, erfolgreich aus.
“Du bist ein Elf”, sagte sie, dabei schwang ein solcher Stolz in der hellen Stimme mit, als wäre es ein großes Geheimnis gewesen. Die Elfen waren kleiner, als die Nordmenschen und vor allem waren sie graziler gebaut. Dazu kamen natürlich die spitz zulaufenden Ohren, die aus seinem Zopf hervorlugten.
Cirdan reagierte nicht auf diese Offenbarung. Stattdessen zerkaute er das Trockenfleisch und starrte in das flackernde Feuer. “Was macht ein Elf im Norden?”
Er schluckte das zähe Fleisch herunter und antwortete: “Ich suche jemanden.”
“Wen denn?”
Neugieriges Balg. Erst antwortete er nicht, in der Hoffnung, dass das Mädchen es darauf beruhen lassen würde. Dem war zu seinem Unglück nicht so. Immer wieder stellte sie die Frage. Schließlich stieß sie Cirdan sogar an, der wütend ihre Hand ergriff. Er setzte schon zu einer gehässigen Antwort an, da betrachtete er ihre Hände genauer. Von der Arbeit geschunden und mit Narben übersät, waren sie dennoch besonders. In der Handinnenfläche fuhren helllila Linien, bildeten Muster. Konnte es etwa sein? “Ich suche nach dir”, gab er deswegen zurück. Erschrocken sog das Mädchen die Luft ein, riss sich los und verschwand aus dem Zimmer.
In den ersten Momenten war der Elf beleidigt, und fragte sich, aus welchem Grund sie einfach so verschwunden war. Dann rief er sich aber in Erinnerung, dass die Elfen nicht gerade den besten Ruf hatten. Vielleicht würde er sie ja am morgigen Tag wiedertreffen und ihr alles erklären können.