Es gab nur wenige Stunden in denen die Königin sich nicht um die Sorgen ihres Volkes kümmern musste und dank den Ereignissen der vergangenen Zeit war ihr Geist selbst während dieser Stunden unruhig. Langsam erhob sich die schlanke, schöne Gestalt von dem gläsernen Thron, der die Lichter des Tages brach und spiegelte, sodass das erhitzte Glas tatsächlich zu leben schien. Schon seit über dreihundert Jahren saß Talina auf dem Thron, auf dem vor ihrer Zeit schon ihre Mutter gesessen hatte, um von dort aus das fruchtbare Land der Elfen zu regieren. Dennoch war die Königin froh, dass sie sich erheben konnte. Ihr nachtblaues Kleid aus dem feinsten Stoff raschelte leise, als die Elfe mit den rehbraunen Locken die wenigen Stufen hinab schritt und beinah zärtlich mit den nackten Zehen über die flachen, glatten Steine fuhr, die den Weg bis zu der großen Eingangstür pflasterten. Selbst diese leblosen Steine schienen Wärme auszustrahlen, doch vielleicht bildete die Königin sich dies auch nur ein, da einfach alles in dem gigantischen Thronsaal wärmte. Hier herrschte eine angenehmere Temperatur, als dort, wohin sie Cirdan geschickt hatte. Schon seit Jahrzehnten war der Bogenschütze ein treuer Begleiter der zarten Frau mit der milchigweißen Haut. Des Öfteren schon hatte er kleinere Aufträge und Botengänge für Talina unternommen, doch nie hatte sie ihn so weit fort geschickt. Der kalte Norden der Menschen war kein Ort für eine Elfe, die an Sonne und weiches Gras gewöhnt war. Welche andere Wahl hatte sie aber gehabt?
Seit Talina das Licht der Welt erblickt hatte, hatte sie nie davon gehört, dass ein einfaches Menschenkind magische Fähigkeiten besessen solle, die selbst die ihren überstiegen. Selbst wenn sich diese Information als falsch erweisen sollte, so hätte sie die Gewissheit, dass es kein Mensch magisch begabt war.
Und falls das Mädchen tatsächlich irgendwelche Fähigkeiten haben sollte, war es wichtig, dass es zu den Elfen gebracht wurde. Anders würde der Menschenkönig vielleicht davon erfahren und das Kind gegen seine Nachbarn einsetzen, was zu einem großen Krieg führen würde, bei dem sich die Elfen in einer ungünstigen Lage befinden würden. Im Nordenwesten und Westen zog sich das schmale Land der Magier entlang, während im hohen Norden die Menschen lebten. Auch im Süden lauerte eine Gefahr, vielleicht sogar die Größte. Tief im Süden lebte ein eigenartiges Volk, das sich weder zu den Menschen noch zu den Magiern zählte, obwohl es ihnen doch am ähnlichsten sah. Dabei waren die Bewohner des Südens allesamt dunkler, als die Nordmenschen. Ihre Gebräuche und Lebensarten waren gänzlich anders, als die der Magier. Talina bewahrte mit ihnen zwar die Frieden, jedoch war sie sich dabei nie sicher, wie standhaft dieser in Falle eines Krieges war und auf welche Seite sich die Tyrash, so nannten sich die Bewohner des Südens, schlagen würden.
Um die schweren Gedanken zu vertreiben, wandte sich die Königin etwas anderem zu. Mit leichten, zarten Schritten schwebte Talina durch den Saal, bis sie eines der kleinen Lichter erreicht hatte, die in allen erdenklichen Farben durch die Luft flogen. Das violette Licht war beinahe perfekt rund und es flog aufgeweckt um das Handgelenk der braunhaarigen Frau. In den braunen Augen und besonders in den goldenen Sprenkeln dieser, spiegelte sich die violette Flamme. Vorsichtig berührte die Elfe das Licht, welches augenblicklich in kleine Teile zersprang. Diese umschwirrten den schmalen, langen Finger der Königin, bis ihr selber bei dem Anblick schwindelig wurde und sie sich milde lächelnd abwandte. Selbst solche Schönheit konnte nach zu langer Zeit den Geist verwirren, das wusste Talina. Dennoch waren die bunten Lichter ihr eine Ablenkung und an manchen Tagen konnte sie nach einen Blick auf die kleinen Flammen sogar besser beurteilen, was zu tun war.
Das Öffnen der Tür beschwor die langen Überlegungen und die Angespanntheit sogleich wieder herauf. Zu sehen war Gillan, ein älterer Elf, der ihr stets die Treue hielt und sowohl Leibwächter, als auch Berater darstellte und dessen Anwesenheit die Königin meist genoss.
“Euer Gnaden”, begrüßte er sie, nachdem der kriegerische Elf sich auf die Knie hatte fallen lassen. Selbst in der grünen Weste, die mit goldenen Fäden besteckt war, sah der Mann aus, als würde er bald in den Krieg ziehen, was wohl am meisten an seinen harten Gesichtszügen und dem grimmigen Zug um die Mundwinkel lag.
“Erhebt Euch. Ist etwas geschehen? Gibt es etwa Nachricht von Cirdan und dem kleinen Mädchen?” Talina hatte schon aufgehört zu hoffen, es war schon so lang her, seit der Elf ausgeschickt worden war.
“Tatsächlich ist vor einigen Minuten ein Rabe eingetroffen, der Kunde trägt, dass der Elf und das Mädchen bereits in wenigen Tagen am königlichen Hofe eintreffen werden.”
Verwundert sah die Königin aus ihren braunen Augen zu ihrem Gefährten auf und fragte sich, wieso der Elf bei solch guter Nachricht so unzufrieden aussah. “Kam noch ein Vogel?”, fragte sie deswegen mit einem Hauch von Unsicherheit in der melodiösen Stimme. “Euer Gnaden, tatsächlich kam einer dieser seltsamen Vögel aus dem Süden.”
Ein Vogel aus dem Süden bedeutete selten etwas erfreuliches, sodass Talina beinah gewünscht hätte, dass Gillan schwieg. Ihre Pflichten als Königin verboten ihr dies allerdings.
“Ayale wird ebenfalls Euren Hof besuchen, viel zu bald, wenn Ihr mich fragt. Sie wird mit einigen ihrer Tyrash hierher reiten, um Euch einen Besuch abzustatten.”
“Euch gefällt es nicht sonderlich, dass Ayale in unser Land kommt. Woran liegt das?”
“Diese Frau ist unheimlich”, verkündete Gillan, als hätte er nur auf eine Gelegenheit gewartet das zu sagen. “Sie besitzt Fähigkeiten, die sie uns verschweigt und ihr Lächeln ist so unnatürlich, wie die Farbe ihrer Augen.”
Talina empfand ebenso. Da die dunkelhäutige Frau aus dem Süden aber ein angesehenes Mitglied des Rates im Süden war, wusste sie auch, dass man ihr mit Respekt begegnen musste. Darauf wies die Königin auch ihren Leibwächter hin, der den Kopf leicht senkte und sich für sein Benehmen entschuldigte. “Soll ich ein Fest vorbereiten lassen, Euer Gnaden?”
Der Elf schüttelte ihre lockige Haarpracht. “Nein. Das Mädchen wird schon erschöpft genug sein. Sobald sie allerdings eintreffen, sollt Ihr Cirdan und sie in mein Speisezimmer führen.”
Mit diesen Worten entließ sie den hochgewachsenen Mann und fragte sich im Stillen, ob es ein Zufall war, dass die geheimnisvolle Frau aus dem Süden beinah zeitgleich mit dem Mädchen eintreffen würde.
Friday, January 25, 2013
Wednesday, January 16, 2013
Cirdan und Kallika; Teil Zwei: Zwei Fremde
Die Nacht hatte Kallika mehr schlecht als recht überstanden. Sobald sie die Augen geschlossen hatte, befürchtete sie, dass der eigenartige Elf auf leisen Sohlen sich ins Zimmer stehlen würde, um sie zu rauben, so wie man es oft in Schauergeschichten hörte. Hätte sie doch nur auf ihre Mutter gehört, die ihr gleich nahegelegt hatte dem Gast einzig und allein das spärliche Essen zu bringen und dann gleich wieder zu verschwinden. Jedoch schenkte man als Neunjährige oft der Neugierde mehr Gehör als den weisen Worten der Mutter. Und in letzter Zeit hatte das junge Mädchen viel zu wenig das aufregende Gefühl der Neugierde gespürt, denn in den Wintermonaten war der hohe Norden in den tiefen Winterschlaf gefallen. Es gab kein Wild zu jagen, kein Schiff zu verabschieden und kein Fest zu feiern. Da war die Versuchung einfach zu groß erschienen, die Anweisungen zu ignorieren und endlich einmal einen dieser sagenumwobenen Elfen zu sehen. Welch Fehlentscheidung, hatte ihr diese Begegnung doch den Schlaf geraubt.
Nun schlüpfte sie erschöpft und mit klopfenden Herzen die morsche Treppe hinunter, um nach dem Schreckensgespenst zu sehen. Wie von einem Fluch, fühlte sich das Mädchen von der Gefahr angezogen. Das kleine Herz schlug Kallika wild gegen den Brustkorb, als wolle es seine Herrin mit Gewalt davon abhalten den Elf zu besuchen. So leise, wie sie es vermochte, öffnete sie die hölzerne Tür zu dem Wohnraum. Zuerst blieb sie hinter der Tür stehen, hielt den Atem an und horchte angestrengt, ob ein Geräusch von der anderen Seite ertönte. Als kein Rascheln von Kleidung an ihr Ohr drang, wagte das Mädchen einen Blick durch den Spalt, konnte so allerdings nur die Flammen der Feuerstelle entdecken. Nachdem das blonde Mädchen all ihren Mut zusammen genommen hatte, stieß es die Tür komplett auf und war sich in diesem Moment sicher, dass der Elf sie aus den braunen Augen feindselig ansehen würde oder gar aufsprang, um sie zu verzaubern.
Nichts dergleichen geschah.
Stattdessen fand Kallika sich in einem verlassenen Raum wieder, in dem kaum etwas darauf hinwies, dass der Elf keine Ausgeburt ihrer regen Fantasie gewesen war.
Vielleicht hat es tatsächlich gar keinen Elfen gegeben? Habe ich das gar alles geträumt?
Kallikas Mutter hatte ihr schon oft genug vorgeworfen, dass sie stets mit dem Kopf zwischen den Wolken umherging und allen Gedanken viel zu viel Aufmerksamkeit schenkte, als es nötig war. Doch das gehörte wohl zu dem Charakter eines Kindes dazu, das im ewigen Eis geboren worden war, wo es keine Hitze gab. Wo die Blätter stets kahl waren und selbst die Sommermonate nur Schnee brachten. Man musste sich mit der kindlichen Fantasie einfach vorstellen, was wohl dieser viel versprochene Sommer sein konnte.
“Hat dir niemand gesagt, dass man niemanden aushorcht?”
Die Stimme riss die Wirtstochter aus den Gedanken und erschütterte sie so sehr, dass die ersten Sekunden Leere im Kopf des Mädchens herrschte. Sie selber hatte stets geglaubt gute Ohren zu haben und wie oft hatte sie beim Versteckenspielen dadurch gewinnen können, dass sie sich ein neues Versteck gesucht hatte, sobald die lauten Schritte der anderen Kinder vernehmbar gewesen sind? Wieder fielen ihr die Geschichten über das fremde Volk ein. Sie waren lautlos und schlichen sich hinterlistig an ihre Feinde heran, um sie dann zu meucheln. So war es für das Mädchen fast schon überraschend, dass sie noch auf beiden Beinen stand und das Blut noch warm in ihr floss. Nachdem der erste Schrecken überwunden war, erwiderte sie fast schon empört: “Ich habe Euch nicht belauschen wollen. Außerdem soll man sich an niemanden heranschleichen!” Sie suchte den Schuldigen und fand ihn schließlich in einer kleinen Nische des Zimmers, wo er das Eselsleder von dem Fenster gezogen hatte, um die Stadt betrachten zu können. Sie selber kannte das Bild, welches sich ihm in diesem Augenblick bot, nur allzu gut. Oft betrachtete sie die verschneiten Dächer der benachbarten Häuser und wunderte sich darüber, wie sehr der Schnee auf den kahlen Ästen des nahenden Waldes funkelte. Im rechten Tageslicht schien jeder Baum im Tal zu strahlen.
“Ich hatte gar nicht gemerkt, dass die Stadt auf einem Hügel liegt”, gab der feingliedrige Mann gedankenverloren von sich, ganz so als hätte er vergessen, dass das Mädchen noch in der Nähe war. Zaghaft ging sie einige Schritte auf den Gast zu und während sie sein fremdes Antlitz betrachtete, antwortete sie: “Nur wenige Gäste bemerken es. Der Schnee verschleiert den sanften Anstieg.” Zumindest hatte sie dies einmal aufgeschnappt.
Der Elf war wirklich ein seltsamer Anblick. Im Gegensatz zu denen der meisten Männer, die Kallika bis jetzt begegnet war, waren seine Wangen glatt, wie die eines Kindes. Zudem war er ungewöhnlich klein und so schmal, wie eine Frau. Auch sein Gesicht schien eher das eines Weibs zu sein, so fein war es geschnitten. Der neugierige Blondschopf fragte sich, ob er überhaupt eine Axt würde anheben können.
“Was für Bäume sind das dort unten?”
“Ich weiß es nicht”, gab sie wahrheitsgemäß zu und bemerkte dann an: “Sie tragen nie Blätter oder Früchte. Dafür ist es hier stets zu kalt und der Boden zu hart.”
“Wovon lebt ihr dann überhaupt?” Die Stimme des Mannes troff vor Neugierde und in diesem Moment erinnerte der ansonsten so fremd wirkende Elf an das junge Mädchen, weswegen sie sich traute noch näher zu treten und sich an die Öffnung des Fensters zu setzen, wo der Wind entlang pfiff. “Wir bauen hartes Gemüse an. Kartoffeln und Rüben, sie halten jedes Wetter aus. Und wir halten Esel, Schweine und Schafe, sie geben uns Fleisch und Milch. Mehr brauchen wir nicht.”
“Ihr seid ein seltsames Völkchen.”
“Wieso denn das?”, fragte Kallika empört. Dabei war der Elf doch viel fremder und seltsamer, als alle Männer, die sie kannte.
“Weil ihr im ewigen Eis wohnt und es euch nie woanders hinzieht. Ich könnte hier nie leben. Du müsstest einmal die Sommer bei uns erleben. Überall siehst du bunte Blumen und saftige Früchte, die Winde sind mild und angenehm, sie bringen Erleichterung bei den heißen Temperaturen. Ach, ich kann es nicht erklären. Du wirst es ja vielleicht einmal sehen.”
Doch in dem Kopf des Mädchens hatte sich bereits ein herrliches Bild geformt, von leichten Winden und warmer Sonne. Auch wenn sie noch nie Blumen gesehen hatte, versuchte sie es sich vorzustellen. Etwas schöneres hatte Kallika noch nie gesehen.
Was der Elf jedoch mit all diesen Andeutungen meinte, ahnte die Neunjährige noch nicht und sie führte sich etwas verstört durch dieses Unwissen. “Was genau meinst du damit, wenn du sagst, dass ich es vielleicht bald sehen werden. Auch gestern Abend hast du so seltsame Andeutungen gemacht.”
“Sieh auf deine Hände.” Diese Anweisung kam erst nach einiger Zeit der Stille und nur mit Zögern konnte sie gehorchen. An ihren Händen hatte sie noch nie etwas seltsames entdeckt. Kallika war mit den verschnörkelten Linien aufgewachsen, die mit der Zeit sogar gewachsen waren. Als der Elf ebenfalls die Linien betrachtete, fühlte die Wirtstochter sich beschämt. Was war nur so seltsames an ihren Händen, dass jemand so magisches wie er, sich daran kaum satt sehen konnte?
Auf ihre Frage hin antwortete er mit einer solchen Ehrlichkeit, dass alle Schauergeschichten als Lügen enttarnt wurden: “Ich suchte nach einem Mädchen mit magischen Fähigkeiten. Meine Heimat habe ich verlassen, um es zu finden und schließlich bin ich auf dich gestoßen, die so deutlich das Zeichen der Magie trägt.”
“Und nun?”
“Nun soll ich dich mit zu meiner Königin nehmen.”
“Ist sie denn eine schöne Frau?”
“Die Schönste, die je auf dieser Erde wandelte.”
Das Mädchen war sich sicher, dass es keine magischen Fähigkeiten besaß, doch der Gedanke daran, dass sie den herrlichen Sommer erleben könnte und mit dem Elfen reisen würde, stimmte sie freudig und aufgeregt, sodass sie am liebsten sofort zugestimmt hätte. Dabei ahnte sie schon, dass weder ihr Vater noch ihre Mutter begeistert davon sein würden, ihre einzige Tochter in die Hände eines Elfen zu geben. Noch dazu damit sie etwas furchteinflößendes lernen sollte. Der braunhaarige Elf schien ihre Gedanken gelesen zu haben, denn als er ihr die Hand auf die schmale Schulter legte, sagte er: “Ich kümmere mich um deine Eltern. Sag einfach ja, kleines Mädchen.”
Und das tat sie.
Nun schlüpfte sie erschöpft und mit klopfenden Herzen die morsche Treppe hinunter, um nach dem Schreckensgespenst zu sehen. Wie von einem Fluch, fühlte sich das Mädchen von der Gefahr angezogen. Das kleine Herz schlug Kallika wild gegen den Brustkorb, als wolle es seine Herrin mit Gewalt davon abhalten den Elf zu besuchen. So leise, wie sie es vermochte, öffnete sie die hölzerne Tür zu dem Wohnraum. Zuerst blieb sie hinter der Tür stehen, hielt den Atem an und horchte angestrengt, ob ein Geräusch von der anderen Seite ertönte. Als kein Rascheln von Kleidung an ihr Ohr drang, wagte das Mädchen einen Blick durch den Spalt, konnte so allerdings nur die Flammen der Feuerstelle entdecken. Nachdem das blonde Mädchen all ihren Mut zusammen genommen hatte, stieß es die Tür komplett auf und war sich in diesem Moment sicher, dass der Elf sie aus den braunen Augen feindselig ansehen würde oder gar aufsprang, um sie zu verzaubern.
Nichts dergleichen geschah.
Stattdessen fand Kallika sich in einem verlassenen Raum wieder, in dem kaum etwas darauf hinwies, dass der Elf keine Ausgeburt ihrer regen Fantasie gewesen war.
Vielleicht hat es tatsächlich gar keinen Elfen gegeben? Habe ich das gar alles geträumt?
Kallikas Mutter hatte ihr schon oft genug vorgeworfen, dass sie stets mit dem Kopf zwischen den Wolken umherging und allen Gedanken viel zu viel Aufmerksamkeit schenkte, als es nötig war. Doch das gehörte wohl zu dem Charakter eines Kindes dazu, das im ewigen Eis geboren worden war, wo es keine Hitze gab. Wo die Blätter stets kahl waren und selbst die Sommermonate nur Schnee brachten. Man musste sich mit der kindlichen Fantasie einfach vorstellen, was wohl dieser viel versprochene Sommer sein konnte.
“Hat dir niemand gesagt, dass man niemanden aushorcht?”
Die Stimme riss die Wirtstochter aus den Gedanken und erschütterte sie so sehr, dass die ersten Sekunden Leere im Kopf des Mädchens herrschte. Sie selber hatte stets geglaubt gute Ohren zu haben und wie oft hatte sie beim Versteckenspielen dadurch gewinnen können, dass sie sich ein neues Versteck gesucht hatte, sobald die lauten Schritte der anderen Kinder vernehmbar gewesen sind? Wieder fielen ihr die Geschichten über das fremde Volk ein. Sie waren lautlos und schlichen sich hinterlistig an ihre Feinde heran, um sie dann zu meucheln. So war es für das Mädchen fast schon überraschend, dass sie noch auf beiden Beinen stand und das Blut noch warm in ihr floss. Nachdem der erste Schrecken überwunden war, erwiderte sie fast schon empört: “Ich habe Euch nicht belauschen wollen. Außerdem soll man sich an niemanden heranschleichen!” Sie suchte den Schuldigen und fand ihn schließlich in einer kleinen Nische des Zimmers, wo er das Eselsleder von dem Fenster gezogen hatte, um die Stadt betrachten zu können. Sie selber kannte das Bild, welches sich ihm in diesem Augenblick bot, nur allzu gut. Oft betrachtete sie die verschneiten Dächer der benachbarten Häuser und wunderte sich darüber, wie sehr der Schnee auf den kahlen Ästen des nahenden Waldes funkelte. Im rechten Tageslicht schien jeder Baum im Tal zu strahlen.
“Ich hatte gar nicht gemerkt, dass die Stadt auf einem Hügel liegt”, gab der feingliedrige Mann gedankenverloren von sich, ganz so als hätte er vergessen, dass das Mädchen noch in der Nähe war. Zaghaft ging sie einige Schritte auf den Gast zu und während sie sein fremdes Antlitz betrachtete, antwortete sie: “Nur wenige Gäste bemerken es. Der Schnee verschleiert den sanften Anstieg.” Zumindest hatte sie dies einmal aufgeschnappt.
Der Elf war wirklich ein seltsamer Anblick. Im Gegensatz zu denen der meisten Männer, die Kallika bis jetzt begegnet war, waren seine Wangen glatt, wie die eines Kindes. Zudem war er ungewöhnlich klein und so schmal, wie eine Frau. Auch sein Gesicht schien eher das eines Weibs zu sein, so fein war es geschnitten. Der neugierige Blondschopf fragte sich, ob er überhaupt eine Axt würde anheben können.
“Was für Bäume sind das dort unten?”
“Ich weiß es nicht”, gab sie wahrheitsgemäß zu und bemerkte dann an: “Sie tragen nie Blätter oder Früchte. Dafür ist es hier stets zu kalt und der Boden zu hart.”
“Wovon lebt ihr dann überhaupt?” Die Stimme des Mannes troff vor Neugierde und in diesem Moment erinnerte der ansonsten so fremd wirkende Elf an das junge Mädchen, weswegen sie sich traute noch näher zu treten und sich an die Öffnung des Fensters zu setzen, wo der Wind entlang pfiff. “Wir bauen hartes Gemüse an. Kartoffeln und Rüben, sie halten jedes Wetter aus. Und wir halten Esel, Schweine und Schafe, sie geben uns Fleisch und Milch. Mehr brauchen wir nicht.”
“Ihr seid ein seltsames Völkchen.”
“Wieso denn das?”, fragte Kallika empört. Dabei war der Elf doch viel fremder und seltsamer, als alle Männer, die sie kannte.
“Weil ihr im ewigen Eis wohnt und es euch nie woanders hinzieht. Ich könnte hier nie leben. Du müsstest einmal die Sommer bei uns erleben. Überall siehst du bunte Blumen und saftige Früchte, die Winde sind mild und angenehm, sie bringen Erleichterung bei den heißen Temperaturen. Ach, ich kann es nicht erklären. Du wirst es ja vielleicht einmal sehen.”
Doch in dem Kopf des Mädchens hatte sich bereits ein herrliches Bild geformt, von leichten Winden und warmer Sonne. Auch wenn sie noch nie Blumen gesehen hatte, versuchte sie es sich vorzustellen. Etwas schöneres hatte Kallika noch nie gesehen.
Was der Elf jedoch mit all diesen Andeutungen meinte, ahnte die Neunjährige noch nicht und sie führte sich etwas verstört durch dieses Unwissen. “Was genau meinst du damit, wenn du sagst, dass ich es vielleicht bald sehen werden. Auch gestern Abend hast du so seltsame Andeutungen gemacht.”
“Sieh auf deine Hände.” Diese Anweisung kam erst nach einiger Zeit der Stille und nur mit Zögern konnte sie gehorchen. An ihren Händen hatte sie noch nie etwas seltsames entdeckt. Kallika war mit den verschnörkelten Linien aufgewachsen, die mit der Zeit sogar gewachsen waren. Als der Elf ebenfalls die Linien betrachtete, fühlte die Wirtstochter sich beschämt. Was war nur so seltsames an ihren Händen, dass jemand so magisches wie er, sich daran kaum satt sehen konnte?
Auf ihre Frage hin antwortete er mit einer solchen Ehrlichkeit, dass alle Schauergeschichten als Lügen enttarnt wurden: “Ich suchte nach einem Mädchen mit magischen Fähigkeiten. Meine Heimat habe ich verlassen, um es zu finden und schließlich bin ich auf dich gestoßen, die so deutlich das Zeichen der Magie trägt.”
“Und nun?”
“Nun soll ich dich mit zu meiner Königin nehmen.”
“Ist sie denn eine schöne Frau?”
“Die Schönste, die je auf dieser Erde wandelte.”
Das Mädchen war sich sicher, dass es keine magischen Fähigkeiten besaß, doch der Gedanke daran, dass sie den herrlichen Sommer erleben könnte und mit dem Elfen reisen würde, stimmte sie freudig und aufgeregt, sodass sie am liebsten sofort zugestimmt hätte. Dabei ahnte sie schon, dass weder ihr Vater noch ihre Mutter begeistert davon sein würden, ihre einzige Tochter in die Hände eines Elfen zu geben. Noch dazu damit sie etwas furchteinflößendes lernen sollte. Der braunhaarige Elf schien ihre Gedanken gelesen zu haben, denn als er ihr die Hand auf die schmale Schulter legte, sagte er: “Ich kümmere mich um deine Eltern. Sag einfach ja, kleines Mädchen.”
Und das tat sie.
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